Eigentlich war nicht vorgesehen, dass eine der drei Töchter einmal in den Familienbetrieb einsteigt. Doch manchmal entsteht ein beruflicher Weg nicht aus einem langfristigen Plan, sondern Schritt für Schritt. Bei Silvia Priesner führte dieser Weg über ein Wirtschaftsstudium, ein zunächst auf ein Jahr begrenztes Aushelfen und schließlich zu der Erkenntnis, Verantwortung für ein Unternehmen übernehmen zu wollen, das seit Generationen zur eigenen Familie gehört.
Als älteste von drei Töchtern kannte sie den Betrieb von klein auf. Trotzdem führte ihr erster Weg nach Innsbruck zum Wirtschaftsstudium. Nach dem Abschluss kam der Anruf ihrer Mutter: In der Lohnverrechnung wurde für ein Jahr Unterstützung gebraucht. Sie sagte zu – und kam damit erstmals beruflich näher an das Unternehmen und vor allem an seine Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter heran.
Gerade die Lohnverrechnung brachte viele persönliche Berührungspunkte. Ein Mitarbeiter stellte damals eine Frage, die hängen blieb: Was passiert eigentlich mit Priesner Bau, wenn die nächste Generation nicht übernimmt? Für ihn war klar, dass ein Verkauf das Unternehmen verändern würde.
Aus dieser Frage wurde für die Tochter der Familie ein neuer Blick auf den eigenen Betrieb. Sie merkte, dass ihr die Arbeit gefiel und sie sich im Unternehmen wohlfühlte. Vor allem erkannte sie für sich einen Unterschied zu anderen beruflichen Erfahrungen: In einem mittelständischen Betrieb konnte sie unmittelbar sehen, wofür sie arbeitete.
Dass sie selbst keine Bauingenieurin, sondern Wirtschafterin ist, war ihr dabei bewusst. Deshalb sammelte sie zunächst außerhalb des Familienunternehmens Erfahrung. Später kehrte sie zurück. Heute führt ihr Mann Matthias Schütz als Geschäftsführer die operativen Geschäfte. Sie selbst kümmert sich unter anderem um Mitarbeiterbelange, Marketing und jene persönliche Atmosphäre, die sie als wesentlichen Teil des Familienbetriebs versteht.
Eine Geschichte, die 1877 begann
Priesner Bau blickt inzwischen auf fast 150 Jahre Geschichte zurück. Gegründet wurde das Unternehmen 1877 von Maurermeister Leopold Priesner. Besonders prägend war später die Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg. Während der Kriegsjahre hatte der Betrieb schwierige Phasen erlebt. Mit der Rückkehr des Großvaters begann der Wiederaufbau und damit jene Entwicklung, die das Unternehmen wesentlich geprägt hat.
Heute liegt der Schwerpunkt fast ausschließlich im Wohnbau. Einen großen Anteil machen Projekte für Wohnungsgenossenschaften und damit der geförderte Wohnbau aus. Vereinzelt werden auch andere Bauvorhaben umgesetzt. In der näheren Umgebung sind in den vergangenen Jahren zudem Einfamilienhäuser dazugekommen, vielfach über persönliche Empfehlungen und Kontakte.
Vieles hat sich seit den Anfangsjahren verändert. Geblieben ist jedoch der Anspruch, als Familienunternehmen persönlich erreichbar zu sein. Während sich die Baubranche zunehmend verändert und Betriebe größer werden oder sich zusammenschließen, arbeitet bei Priesner Bau die Eigentümerfamilie weiterhin selbst im Unternehmen mit.
Diese Nähe zeigt sich vor allem im Umgang mit den Beschäftigten. Anliegen sollen direkt angesprochen werden können, die Türen stehen offen. Dass dieses Prinzip im Alltag trägt, zeigt sich für die Familie auch an der vergleichsweise geringen Fluktuation.
Besonders stolz ist Silvia darauf, wie viele Mitarbeiter ihre berufliche Entwicklung innerhalb des Unternehmens gemacht haben. Der bevorzugte Weg ist häufig, junge Menschen selbst auszubilden und langfristig aufzubauen. Poliere haben vielfach im eigenen Betrieb gelernt. Auch Karrieren von der Baustelle bis zur Bauleitung gibt es. Ein heutiger Prokurist begann beispielsweise als Lehrling und entwickelte sich über verschiedene Stationen bis ins Büro weiter.
Im technischen Büro setzt Priesner Bau ebenfalls gerne auf junge Absolventinnen und Absolventen der HTL. Mittlerweile arbeiten dort auch mehrere junge Frauen in Bautechnik und Bauleitung – in einer Branche, die nach wie vor stark von Männern geprägt ist.
Vier Tage Baustelle und neue Wege im Büro
Wie stark sich Arbeitswelt und Baubranche verändert haben, zeigt sich besonders beim Thema Personal. Um die Jahrtausendwende waren über 10 Lehrlinge gleichzeitig im Unternehmen keine Besonderheit. Heute ist es deutlich schwieriger geworden, Nachwuchs zu finden und langfristig zu halten.
Priesner Bau reagiert darauf nicht nur bei der Ausbildung. Auf vielen Baustellen hat sich inzwischen die Vier-Tage-Woche etabliert. An vier Tagen wird jeweils länger gearbeitet, dafür bleibt der Freitag frei. Entstanden ist das Modell unter anderem aus den Bedürfnissen der Beschäftigten und der Verkehrssituation rund um Baustellen im Linzer Raum. Für viele bedeutet es ein dreitägiges Wochenende und weniger Fahrten im Berufsverkehr.
Rund 70 eigene Bauarbeiter und ungefähr ebenso viele Leasingkräfte sind laut Interview derzeit für das Unternehmen tätig. Gerade für Arbeitskräfte mit längeren Heimwegen kann die gebündelte Arbeitszeit Vorteile bringen.
Veränderung findet auch abseits der Baustelle statt. Ein eigenes Team beschäftigt sich mit der Digitalisierung von Arbeitsabläufen. Eingangsrechnungen, Zeiterfassung und weitere Prozesse werden zunehmend digital abgewickelt. Auch künstliche Intelligenz wird darauf geprüft, wo sie Arbeit sinnvoll erleichtern kann. Die Haltung dazu ist pragmatisch: Die Baubranche müsse bei neuen Entwicklungen nicht immer die erste sein – sie sollte aber auch nicht die letzte sein.
2027 steht schließlich ein besonderes Jahr bevor: Priesner Bau feiert 150-jähriges Bestehen. Für den Familienbetrieb ist das ein Jubiläum, das mehrere sehr unterschiedliche Generationen verbindet. Von den Anfängen eines Maurermeisters über Wiederaufbau und wirtschaftliche Schwankungen bis zu Digitalisierung, Vier-Tage-Woche und einem jungen Team zieht sich dabei ein bemerkenswert konstanter Gedanke: Ein Unternehmen bleibt über Generationen bestehen, wenn Menschen bereit sind, Verantwortung dafür zu übernehmen.
Foto:privat







